Die Bündner Herrschaft

Die sanft gegen Süden und Südwesten geneigten Hänge am Fusse der Bergflanken, die vor Nordwinden und Nebel schützen, sind klimatisch verwöhnt. Das Bündner Rheintal ist die wärmste Weinbaugegend der deutschen Schweiz. Die Sonne scheint hier im Durchschnitt 1800 Stunden. Die Herbste sind mild, trocken und nebelfrei. Hilfreich ist der Föhn, der sprichwörtliche “Traubenkocher”. Er bringt das gute Erntewetter, verjagt die hohe Luftfeuchtigkeit und damit das Gespenst der Botrytis, konzentiert die Trauben am Stock und treibt dadurch die Öchslewerte in die Höhe.

Die Winzerinnen und Winzer

In Graubünden sind heute zwei Winzergenerationen im Alter zwischen dreissig und sechzig Jahren an der Arbeit, wie es sie qualifizierter noch nie gegeben hat. Die Elite hat im Ausland geschnuppert, weiss, dass der Weinhorizont nicht vom Falknis und dem Calanda begrenzt ist. Dennoch schimmert immer dieser spezielle alpine Menschenschlag durch, zurückhaltend bis verschlossen, geprägt von einem starken Selbstbewusstsein, gespeist aus der Überzeugung, zur Spitze der Schweizer Winzerschaft zu gehören. Die Szene ist lebendig, tauscht sich untereinander aus, gleichsam wie in einer Kreativwerkstatt. Es wird ausprobiert und experimentiert. In den Reben mit naturschonenden Bewirtschaftsungsmethoden, fremden Rebsorten und unterschiedlichen Klonen. Im Keller mit verschiedenartigen Kelterungstechniken, mit Kaltmazeration, Spontanvergärung, Ganztraubenpressung, mit Barriqueausbau, Verzicht auf Schönung und Filtration bis zur leidigen Frage des Flaschenverschlusses, wo der fehleranfällige Korken Konkurrenz durch Drehverschluss, Glasstopfen oder Diam-Kork erhält.

Martin Kilchmann in ‘Die Winzer Graubündens und ihre Weine’, AT Verlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.